»If you want to win anything - a race, yourself, your life - you have to go a little bit berserk!« – George Sheehan

OstseeMan Rennbericht

Teil 2 ― RAD

Kommentar seitens des Autors:

Zwei Monate Pause im Rennbericht? Kann ich. Manchmal ist es nun einmal einfach so, dass das Leben mit all seinen Terminen, Demotivation und Urlaub dazwischenkommt. Ich bitte dies zu berücksichtigen.

Die Radstrecke des OstseeMans besteht aus sechs Runden à 30 km. Zunächst rollt man aus Glücksburg raus in Richtung Westen und Flensburg. Dabei muss man schon die erste Steigung mitnehmen, die knapp 800 m lang ist. Oben angekommen biegt man nach links gen Wees ab, fährt einige Kurven und landet dann mitten in Wees. Von dort geht es wieder über einige Kurven raus aus dem Ort. Danach folgen einige Kurven und Hügel durch drei weitere Dörfer in Fahrtrichtung Osten bevor man auf der Nordstraße – einer Bundesstraße – in Richtung Kappeln landet. Dort kann man einige Kilometer schön ballern und biegt dann in Langballig ab. Von Langballig geht es nordwärts in Richtung Ostsee. Irgendwann biegt man links ab und nun geht es tendenziell wieder westwärts, wobei hier nach knapp 17 km der Radstrecke der technische Part beginnt. Konnte man vorher alle Geraden und vor allem Kurven sauber in Aeroposition rollen, fährt man nun auf Wirtschaftswegen mit vielen 90-Grad-Kurven, sodass man ständig bremsen, lenken und wieder neu antreten muss. Kombiniert mit mehreren knackigen Hügeln ist das eine gemeine Kombination. Highlight ist sicherlich mit Vollgas zum Strand an der Ostsee zu brettern, direkt davor wegen einer 90 Grad Kurve total in die Eisen zu gehen, um dann den Warberg mit null Tempo zu erklimmen. So führt die Strecke westwärts wieder nach Glücksburg rein. Hier fährt man anfangs der Laufstrecke entgegen. Mitten im Ort – ca. 500 m vor der Wechselzone – wartet dann noch eine S-Kurve auf die Athleten. Diese ist aber eine Steigung, sodass hier als Stimmungsnest der Solarer Berg aus Roth im Kleinformat entsteht. Das ist jede Runde wieder genial! Bei Westwind bedeutet es übrigens, dass die ersten 3 km Gegenwind und dann wieder der gesamte technische Part ebenfalls aus Gegenwind besteht. Tendenziell ist das auf dem Kurs vorteilhaft, weil man dann die langen Geraden (Ausnahme Ortseinfahrt nach Glücksburg auf dem Rückweg) Rücken- oder Seitenwind hat.
Ansonsten ist hier meine Einheit. Dort siehst Du ja auch den Streckenverlauf:

flow.polar.com - Auswertung -

Also rein ins Renngeschehen oder besser ins größte Fiasko der letzten sechs Jahre. Auf der ersten Runde war noch alles in Ordnung. Naja, also alles wie immer. Das bedeutet bei mir in dieser Saison folgendes: im Training butterweiche Beine, im Triathlon Beine aus Zement, die ich aber nach einiger Zeit locker gefahren kriege. So ist es auch dieses Mal. Anfangs bin ich gleich in Panik verfallen. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich mir auf den ersten Kilometern extrem schwer tue und erst einmal meinen Rhythmus finden muss. Daran halte ich mich und flippe daher nicht mehr in Panik aus. Die ersten Kilometer verlaufen schließlich schon hektisch genug. Nachdem morgens ja schon mein Wattmesser meldete, dass die nagelneue Batterie auf einmal schon fast leer ist, findet jetzt mein Radcomputer mir nicht schnell genug das GPS. Normal habe ich GPS sobald ich aus der Wechselzone rauskomme. Also breche ich das Laden ab und starte neu. Nach 1,5 km Fahrzeit habe ich nun endlich GPS und starte die Einheit. Dort der nächste Schock: Die Displays stimmen nicht. Ich habe keine einzige Wattanzeige. Einige Momente später fällt mir ein, dass ich in all der Hektik heute Morgen das Sportprogramm geändert habe. Also breche ich die Einheit wieder ab und wechsle von Radfahren zu Rennrad. Dort stimmen dann auf Anhieb auch gleich GPS, Wattwerte und Displays. Immerhin. Kuriosität Nr. 2: Als ich auf das Rad klettere, sind die Straßen in und um Glücksburg nass. Irgendwie muss es beim Schwimmen geregnet haben ohne, dass ich es mitbekommen habe. Ups. Die Straße trocknet zum Glück im Laufe des Rennens ab, sodass er erwartete Regen auf der Radstrecke ausbleibt.
In der ersten Runde verfalle ich noch nicht in Panik, auch wenn mir bewusst ist, dass ich ca. 20 Watt zu wenig trete und meine Beine auch deutlich schwerer sind als üblich. Am Ende dieser Runde stoppt meine Uhr 54:29 min. Wenn ich einen harten Tag bei dem Kurs haben sollte, wären 55er Runden das Übelste hatte ich mir im Vorfeld ausgerechnet. Wenn ich dann schon die erste Runde in ähnlicher Zeit fahre, konnte es nichts Gutes bedeuten.

In der zweiten Runde überholt mit Alex aus meinem Verein auf der langen Geraden nach Ringsberg in Richtung Bundesstraße und ist auch erstaunt, dass er mich als Staffelfahrer hier so locker überholen kann. So vergeht die zweite Runde und meine Wattwerte werden sogar noch ein wenig geringer. Stattdessen werden meine Beine zwar ein wenig lockerer bzw. das Treten ist nicht mehr so schmerzhaft – druckvoll und locker ist hingegen etwas Anderes.
Die ersten Zweifel werden wach. Hast Du falsch trainiert Tim? War die Masterarbeit dann vielleicht doch in einigen wichtigen Einheiten zu sehr im Kopf? Doch zu wenige Intervalle auf dem Rad? Und warum sind deine Beine im Wettkampf immer so bescheuert?
Ich weiß es nicht. Auch heute am 23. Oktober nicht. Ich habe viel über die Fragen nachgedacht – speziell über Letztere. Habe einige Meinungen dazu eingeholt. Wahrscheinlich ist das hier auch der größte Grund, warum ich keine Motivation gefunden habe den Blog zu schreiben. Die Erinnerungen an den Wettkampf schmerzen einfach und ich bin ratlos. Das war ich noch nie.
In Glücksburg dann der nächste Schock. Eigentlich war mit meiner Freundin verabredet, dass sie an der Eigenverpflegunsstation am Waldparkplatz steht, um mir eine Flasche zu reichen. Da aber viele andere Athleten auch kurz vor dem Berg an einer Bushaltestelle supportet werden, entscheidet sie sich für diese Stelle. Das ist noch gerade einmal gut gegangen. Runde zwei vergeht mit ganz genau 55 min. Die absolute Schmerzgrenze ist erreicht. Problematisch ist nur, dass ich schon seit 15 km auf die Toilette muss. Irre. Dabei habe ich morgens doch gar nicht so viel getrunken?

Nach knapp 70 km nutze ich die Chance und halte zur ersten Toilettenpause an. 30 Sek. kostet mich das. 30 schmerzhafte Sekunden, denn nun stecke ich mitten zwischen den Staffelfahrern. Der Nachteil von guten Schwimmern und schlechten Radfahrern ist, dass sie auf dem Rad durchgereicht werden. Wird man auf dem Rad überholt, ist man als Überholter dafür verantwortlich die 12 m Windschattenbox zu seinem Vordermann/frau herzustellen, ergo ich muss mich jedes Mal rollen lassen und/oder in den Oberlenker gehen. Das kostet Zeit, Kraft und viele Nerven. An derselben Stelle, wo Alex mich in der Vorrunde überholt hat, verliere ich das Rennen. Nein, ich verliere den Kampf gegen meinen Kopf. Die negativen Gedanken haben nun Besitz von mir ergriffen. Das wird heute nichts. Dafür frischt der Wind langsam auf. Irgendwann überholt mich Stefan, den ich über Twitter kennengelernt habe. Mit ihm habe ich im Mai schon einmal Rad- und Laufstrecke angetestet. Auf seinem Kopf sitzt ein anderer Helm. Irgendwie ist in der Wechselzone der Verschluss von seinem Aerohelm verschwunden, der morgens noch da war. Also musste er ewig auf einen Ersatzhelm warten. Irre Story. Auf dem Rückweg nach Glücksburg fröstel ich und kriege Sodbrennen. Kurzzeitig hoffe ich ernsthaft, dass nun mein Kreislauf endlich komplett aufgibt, damit ich einen Grund habe auszusteigen – mit Krankenwagen. Einfaches Aufgeben gibt es bei mir nicht. Leider wird mir wieder warm, sodass ich weiterrolle. Am Waldparkplatz ist es dann mit mir vorbei. Der Frust ist zu groß. Oberlenker und zu meiner Freundin an der nächsten Bushaltestelle ausrollen. Dort fange ich an einfach nur noch zu weinen. Die Frustventile müssen auf. Ich weiß echt nicht, was los ist. Wie abgesprochen kriege ich mein Snickers, damit ich mal was zum Kauen habe und dann hat sie den besten Einfall des Jahres. Seit meiner Magenschleimhautentzündung im Frühjahr hat sie immer Rennie auf Wettkämpfen dabei, damit ich im Ziel im Zweifelsfall direkt meinen Magen beruhigen kann. Also kriege ich direkt zwei Minzkaubonbons, damit wir wenigstens das Sodbrennen in den Griff kriegen. Ingo – ihr Vater – muntert mich auch noch auf. Die Zeit ist egal. Jetzt muss irgendwie mit Anstand gefinisht werden. Also klettere ich wieder auf das Rad und nehme den Glücksburger Solarer Berg in Angriff. Da stehen meine Vereinskollegen und schreien sich die Seele aus dem Leib. Kurz dahinter steht der Rest meiner Familie. Meine Mom läuft sogar ein Stück mit, weil sie das Backup Snickers hat. Immerhin die Planung ist perfekt und die Zuschauer sind in Bestform. Ich offensichtlich nicht. Runde drei vergeht in unglaublichen 59 Min. Irre.

Runde vier geht schief, was schiefgehen kann. In Wees möchte ich nun endlich das Snickers essen, schließlich ist es die Belohnung für 100 und nicht 90 km. Beim Öffnen fahre ich über eine Bodenwelle und verliere es. Weil mir die Zeit egal ist, halte ich an und drehe die 50m um. Leider kommt eine ganze Gruppe angerauscht, sodass ich kurz warten muss bis ich wieder umdrehen, das Snickers einsammeln und losfahren kann. Knapp 5 km später scheppert es und ich habe eine CO2-Kartusche für meine Luftpumpe verloren. Jetzt ist mir die Zeit erst recht egal und es beginnt dasselbe Spiel wie beim Snickers. Zu guter Letzt nutze ich die eh schon miese Zeit für eine zweite Klopause. Meine Blase erwischt einen echt schlechten Tag. Das angelehnte Zeitfahrrad kippt dabei auch noch um, sodass ich den einen Bremsgriff danach auch erst einmal wieder richtig hindrehen muss. Wenn schon Mist, dann aber richtig. Keine halben Sachen. Runde vier beende ich in 58 min und statt 225 Watt nur 179 im Durchschnitt.

In der fünften Runde ist dann der Wind endgültig da. 65 km/h Westwind war angekündigt. 65 km/h sind es definitiv. Westwind ist es aber irgendwie nur zum Teil. Ich habe das Gefühl, dass der Wind zwischen West- und Südostwind mehrfach an dem Tag wechselt. Immerhin muss ich nicht auf das Klo und kämpfe mich so langsam wieder durch die ganzen Staffelfahrer. Es geht wieder ein wenig bergauf und ich zähle die Kilometer bis zum Laufen runter. Hoffentlich spielen dort wenigstens Magen und Beine mich. Hoffentlich. Am Ende der Runde halte ich wieder, wie abgesprochen, an der Bushaltestelle und kriege wieder meine Rennbiebonbons. Die letzte Trinkflasche brauche ich nicht. Bei den kalten Temperaturen trinke ich keine 4 Liter. Bennie und Kratze, meine beiden Vereinschefs und Regioligakollegen, kommen vorbei und muntern mich auf. Das tut gut. Am Berg versuche ich zu grinsen, damit sich meine Mutter keine Sorgen macht, denn die weiß von all dem Drama nichts, damit sie sich keine Sorgen macht – eine weitere gute Kuriosität des Tages. In dieser Runde sind es immerhin nur noch 56 Min. und 175 Watt.

Die letzte Runde bricht an und ich freue mich tierisch. Ich hasse Rad fahren und ich hasse diesen Wettkampf. Vielleicht sollte ich das mit der Langdistanz wirklich mal ein paar Jahre lassen. Die AK 25 ist für Hawaii doch viel zu brutal. Außerdem sind diese Oberschenkel offensichtlich nicht fürs Radeln gemacht.  Mittlerweile ist der Kampf gegen den Wind echt hart. Dagegen empfand ich Hawaii und Lanzarote sogar als angenehm. Die letzten Kilometer feiere ich ziemlich hart ab – auch weil ich eigentlich schon wieder auf die Toilette könnte…
In Glücksburg am Berg stehen noch einmal mein Bruder und meine Freundin und feuern mich, wie schon auf Hawaii, wie irre an. So super von euch beiden. Danke!
Rein geht es in die Wechselzone. 5:40 Std. 30,8 km/h im Durchschnitt.

In der Wechselzone kicke ich den Helfern wahrlich mein Rad zu. Ich habe keine Lust mehr auf dieses orange Biest. Mit Vollgas laufe ich zu den Wechselbeuteln und schnappe mir meinen Beutel. Im Wechselzelt selber ist mein Helm schon abgesetzt. Laufschuhe an und den aus meiner Cap geformten Beutel in die Hand und los. Ich frage noch die Helfer, wo denn hier das Dixi ist. Das steht leider 30 m vor dem Wechselzelt. Zurücklaufen will ich nun nicht mehr, sodass ich einfach loslaufe. 49 Sek. in der Wechselzone. Wechseln kann ich. Damit habe ich wenigstens einen Sieg an diesem Tag errungen, denn selbst die Profis haben nur in 1:02 bis 1:07 min gewechselt. Immerhin.

Ab auf die Laufstrecke. Endlich. Die Beine? Zumindest in der Wechselzone bombastisch gut. Irre. Spätestens damit habe ich den Beweis erreicht, dass eine Langdistanz so furchtbar unberechenbar ist.

Und auf der Laufstrecke geht es sicherlich in Kürze weiter. Nicht morgen und auch nicht übermorgen, aber sicherlich nicht in zwei Monaten 😉.

Danke für eure Geduld!

Tim

OstseeMan Rennbericht

Teil 2 ― RAD

Kommentar seitens des Autors:

Zwei Monate Pause im Rennbericht? Kann ich. Manchmal ist es nun einmal einfach so, dass das Leben mit all seinen Terminen, Demotivation und Urlaub dazwischenkommt. Ich bitte dies zu berücksichtigen.

Die Radstrecke des OstseeMans besteht aus sechs Runden à 30 km. Zunächst rollt man aus Glücksburg raus in Richtung Westen und Flensburg. Dabei muss man schon die erste Steigung mitnehmen, die knapp 800 m lang ist. Oben angekommen biegt man nach links gen Wees ab, fährt einige Kurven und landet dann mitten in Wees. Von dort geht es wieder über einige Kurven raus aus dem Ort. Danach folgen einige Kurven und Hügel durch drei weitere Dörfer in Fahrtrichtung Osten bevor man auf der Nordstraße – einer Bundesstraße – in Richtung Kappeln landet. Dort kann man einige Kilometer schön ballern und biegt dann in Langballig ab. Von Langballig geht es nordwärts in Richtung Ostsee. Irgendwann biegt man links ab und nun geht es tendenziell wieder westwärts, wobei hier nach knapp 17 km der Radstrecke der technische Part beginnt. Konnte man vorher alle Geraden und vor allem Kurven sauber in Aeroposition rollen, fährt man nun auf Wirtschaftswegen mit vielen 90-Grad-Kurven, sodass man ständig bremsen, lenken und wieder neu antreten muss. Kombiniert mit mehreren knackigen Hügeln ist das eine gemeine Kombination. Highlight ist sicherlich mit Vollgas zum Strand an der Ostsee zu brettern, direkt davor wegen einer 90 Grad Kurve total in die Eisen zu gehen, um dann den Warberg mit null Tempo zu erklimmen. So führt die Strecke westwärts wieder nach Glücksburg rein. Hier fährt man anfangs der Laufstrecke entgegen. Mitten im Ort – ca. 500 m vor der Wechselzone – wartet dann noch eine S-Kurve auf die Athleten. Diese ist aber eine Steigung, sodass hier als Stimmungsnest der Solarer Berg aus Roth im Kleinformat entsteht. Das ist jede Runde wieder genial! Bei Westwind bedeutet es übrigens, dass die ersten 3 km Gegenwind und dann wieder der gesamte technische Part ebenfalls aus Gegenwind besteht. Tendenziell ist das auf dem Kurs vorteilhaft, weil man dann die langen Geraden (Ausnahme Ortseinfahrt nach Glücksburg auf dem Rückweg) Rücken- oder Seitenwind hat.
Ansonsten ist hier meine Einheit. Dort siehst Du ja auch den Streckenverlauf:

flow.polar.com - Auswertung -

Also rein ins Renngeschehen oder besser ins größte Fiasko der letzten sechs Jahre. Auf der ersten Runde war noch alles in Ordnung. Naja, also alles wie immer. Das bedeutet bei mir in dieser Saison folgendes: im Training butterweiche Beine, im Triathlon Beine aus Zement, die ich aber nach einiger Zeit locker gefahren kriege. So ist es auch dieses Mal. Anfangs bin ich gleich in Panik verfallen. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich mir auf den ersten Kilometern extrem schwer tue und erst einmal meinen Rhythmus finden muss. Daran halte ich mich und flippe daher nicht mehr in Panik aus. Die ersten Kilometer verlaufen schließlich schon hektisch genug. Nachdem morgens ja schon mein Wattmesser meldete, dass die nagelneue Batterie auf einmal schon fast leer ist, findet jetzt mein Radcomputer mir nicht schnell genug das GPS. Normal habe ich GPS sobald ich aus der Wechselzone rauskomme. Also breche ich das Laden ab und starte neu. Nach 1,5 km Fahrzeit habe ich nun endlich GPS und starte die Einheit. Dort der nächste Schock: Die Displays stimmen nicht. Ich habe keine einzige Wattanzeige. Einige Momente später fällt mir ein, dass ich in all der Hektik heute Morgen das Sportprogramm geändert habe. Also breche ich die Einheit wieder ab und wechsle von Radfahren zu Rennrad. Dort stimmen dann auf Anhieb auch gleich GPS, Wattwerte und Displays. Immerhin. Kuriosität Nr. 2: Als ich auf das Rad klettere, sind die Straßen in und um Glücksburg nass. Irgendwie muss es beim Schwimmen geregnet haben ohne, dass ich es mitbekommen habe. Ups. Die Straße trocknet zum Glück im Laufe des Rennens ab, sodass er erwartete Regen auf der Radstrecke ausbleibt.
In der ersten Runde verfalle ich noch nicht in Panik, auch wenn mir bewusst ist, dass ich ca. 20 Watt zu wenig trete und meine Beine auch deutlich schwerer sind als üblich. Am Ende dieser Runde stoppt meine Uhr 54:29 min. Wenn ich einen harten Tag bei dem Kurs haben sollte, wären 55er Runden das Übelste hatte ich mir im Vorfeld ausgerechnet. Wenn ich dann schon die erste Runde in ähnlicher Zeit fahre, konnte es nichts Gutes bedeuten.

In der zweiten Runde überholt mit Alex aus meinem Verein auf der langen Geraden nach Ringsberg in Richtung Bundesstraße und ist auch erstaunt, dass er mich als Staffelfahrer hier so locker überholen kann. So vergeht die zweite Runde und meine Wattwerte werden sogar noch ein wenig geringer. Stattdessen werden meine Beine zwar ein wenig lockerer bzw. das Treten ist nicht mehr so schmerzhaft – druckvoll und locker ist hingegen etwas Anderes.
Die ersten Zweifel werden wach. Hast Du falsch trainiert Tim? War die Masterarbeit dann vielleicht doch in einigen wichtigen Einheiten zu sehr im Kopf? Doch zu wenige Intervalle auf dem Rad? Und warum sind deine Beine im Wettkampf immer so bescheuert?
Ich weiß es nicht. Auch heute am 23. Oktober nicht. Ich habe viel über die Fragen nachgedacht – speziell über Letztere. Habe einige Meinungen dazu eingeholt. Wahrscheinlich ist das hier auch der größte Grund, warum ich keine Motivation gefunden habe den Blog zu schreiben. Die Erinnerungen an den Wettkampf schmerzen einfach und ich bin ratlos. Das war ich noch nie.
In Glücksburg dann der nächste Schock. Eigentlich war mit meiner Freundin verabredet, dass sie an der Eigenverpflegunsstation am Waldparkplatz steht, um mir eine Flasche zu reichen. Da aber viele andere Athleten auch kurz vor dem Berg an einer Bushaltestelle supportet werden, entscheidet sie sich für diese Stelle. Das ist noch gerade einmal gut gegangen. Runde zwei vergeht mit ganz genau 55 min. Die absolute Schmerzgrenze ist erreicht. Problematisch ist nur, dass ich schon seit 15 km auf die Toilette muss. Irre. Dabei habe ich morgens doch gar nicht so viel getrunken?

Nach knapp 70 km nutze ich die Chance und halte zur ersten Toilettenpause an. 30 Sek. kostet mich das. 30 schmerzhafte Sekunden, denn nun stecke ich mitten zwischen den Staffelfahrern. Der Nachteil von guten Schwimmern und schlechten Radfahrern ist, dass sie auf dem Rad durchgereicht werden. Wird man auf dem Rad überholt, ist man als Überholter dafür verantwortlich die 12 m Windschattenbox zu seinem Vordermann/frau herzustellen, ergo ich muss mich jedes Mal rollen lassen und/oder in den Oberlenker gehen. Das kostet Zeit, Kraft und viele Nerven. An derselben Stelle, wo Alex mich in der Vorrunde überholt hat, verliere ich das Rennen. Nein, ich verliere den Kampf gegen meinen Kopf. Die negativen Gedanken haben nun Besitz von mir ergriffen. Das wird heute nichts. Dafür frischt der Wind langsam auf. Irgendwann überholt mich Stefan, den ich über Twitter kennengelernt habe. Mit ihm habe ich im Mai schon einmal Rad- und Laufstrecke angetestet. Auf seinem Kopf sitzt ein anderer Helm. Irgendwie ist in der Wechselzone der Verschluss von seinem Aerohelm verschwunden, der morgens noch da war. Also musste er ewig auf einen Ersatzhelm warten. Irre Story. Auf dem Rückweg nach Glücksburg fröstel ich und kriege Sodbrennen. Kurzzeitig hoffe ich ernsthaft, dass nun mein Kreislauf endlich komplett aufgibt, damit ich einen Grund habe auszusteigen – mit Krankenwagen. Einfaches Aufgeben gibt es bei mir nicht. Leider wird mir wieder warm, sodass ich weiterrolle. Am Waldparkplatz ist es dann mit mir vorbei. Der Frust ist zu groß. Oberlenker und zu meiner Freundin an der nächsten Bushaltestelle ausrollen. Dort fange ich an einfach nur noch zu weinen. Die Frustventile müssen auf. Ich weiß echt nicht, was los ist. Wie abgesprochen kriege ich mein Snickers, damit ich mal was zum Kauen habe und dann hat sie den besten Einfall des Jahres. Seit meiner Magenschleimhautentzündung im Frühjahr hat sie immer Rennie auf Wettkämpfen dabei, damit ich im Ziel im Zweifelsfall direkt meinen Magen beruhigen kann. Also kriege ich direkt zwei Minzkaubonbons, damit wir wenigstens das Sodbrennen in den Griff kriegen. Ingo – ihr Vater – muntert mich auch noch auf. Die Zeit ist egal. Jetzt muss irgendwie mit Anstand gefinisht werden. Also klettere ich wieder auf das Rad und nehme den Glücksburger Solarer Berg in Angriff. Da stehen meine Vereinskollegen und schreien sich die Seele aus dem Leib. Kurz dahinter steht der Rest meiner Familie. Meine Mom läuft sogar ein Stück mit, weil sie das Backup Snickers hat. Immerhin die Planung ist perfekt und die Zuschauer sind in Bestform. Ich offensichtlich nicht. Runde drei vergeht in unglaublichen 59 Min. Irre.

Runde vier geht schief, was schiefgehen kann. In Wees möchte ich nun endlich das Snickers essen, schließlich ist es die Belohnung für 100 und nicht 90 km. Beim Öffnen fahre ich über eine Bodenwelle und verliere es. Weil mir die Zeit egal ist, halte ich an und drehe die 50m um. Leider kommt eine ganze Gruppe angerauscht, sodass ich kurz warten muss bis ich wieder umdrehen, das Snickers einsammeln und losfahren kann. Knapp 5 km später scheppert es und ich habe eine CO2-Kartusche für meine Luftpumpe verloren. Jetzt ist mir die Zeit erst recht egal und es beginnt dasselbe Spiel wie beim Snickers. Zu guter Letzt nutze ich die eh schon miese Zeit für eine zweite Klopause. Meine Blase erwischt einen echt schlechten Tag. Das angelehnte Zeitfahrrad kippt dabei auch noch um, sodass ich den einen Bremsgriff danach auch erst einmal wieder richtig hindrehen muss. Wenn schon Mist, dann aber richtig. Keine halben Sachen. Runde vier beende ich in 58 min und statt 225 Watt nur 179 im Durchschnitt.

In der fünften Runde ist dann der Wind endgültig da. 65 km/h Westwind war angekündigt. 65 km/h sind es definitiv. Westwind ist es aber irgendwie nur zum Teil. Ich habe das Gefühl, dass der Wind zwischen West- und Südostwind mehrfach an dem Tag wechselt. Immerhin muss ich nicht auf das Klo und kämpfe mich so langsam wieder durch die ganzen Staffelfahrer. Es geht wieder ein wenig bergauf und ich zähle die Kilometer bis zum Laufen runter. Hoffentlich spielen dort wenigstens Magen und Beine mich. Hoffentlich. Am Ende der Runde halte ich wieder, wie abgesprochen, an der Bushaltestelle und kriege wieder meine Rennbiebonbons. Die letzte Trinkflasche brauche ich nicht. Bei den kalten Temperaturen trinke ich keine 4 Liter. Bennie und Kratze, meine beiden Vereinschefs und Regioligakollegen, kommen vorbei und muntern mich auf. Das tut gut. Am Berg versuche ich zu grinsen, damit sich meine Mutter keine Sorgen macht, denn die weiß von all dem Drama nichts, damit sie sich keine Sorgen macht – eine weitere gute Kuriosität des Tages. In dieser Runde sind es immerhin nur noch 56 Min. und 175 Watt.

Die letzte Runde bricht an und ich freue mich tierisch. Ich hasse Rad fahren und ich hasse diesen Wettkampf. Vielleicht sollte ich das mit der Langdistanz wirklich mal ein paar Jahre lassen. Die AK 25 ist für Hawaii doch viel zu brutal. Außerdem sind diese Oberschenkel offensichtlich nicht fürs Radeln gemacht.  Mittlerweile ist der Kampf gegen den Wind echt hart. Dagegen empfand ich Hawaii und Lanzarote sogar als angenehm. Die letzten Kilometer feiere ich ziemlich hart ab – auch weil ich eigentlich schon wieder auf die Toilette könnte…
In Glücksburg am Berg stehen noch einmal mein Bruder und meine Freundin und feuern mich, wie schon auf Hawaii, wie irre an. So super von euch beiden. Danke!
Rein geht es in die Wechselzone. 5:40 Std. 30,8 km/h im Durchschnitt.

In der Wechselzone kicke ich den Helfern wahrlich mein Rad zu. Ich habe keine Lust mehr auf dieses orange Biest. Mit Vollgas laufe ich zu den Wechselbeuteln und schnappe mir meinen Beutel. Im Wechselzelt selber ist mein Helm schon abgesetzt. Laufschuhe an und den aus meiner Cap geformten Beutel in die Hand und los. Ich frage noch die Helfer, wo denn hier das Dixi ist. Das steht leider 30 m vor dem Wechselzelt. Zurücklaufen will ich nun nicht mehr, sodass ich einfach loslaufe. 49 Sek. in der Wechselzone. Wechseln kann ich. Damit habe ich wenigstens einen Sieg an diesem Tag errungen, denn selbst die Profis haben nur in 1:02 bis 1:07 min gewechselt. Immerhin.

Ab auf die Laufstrecke. Endlich. Die Beine? Zumindest in der Wechselzone bombastisch gut. Irre. Spätestens damit habe ich den Beweis erreicht, dass eine Langdistanz so furchtbar unberechenbar ist.

Und auf der Laufstrecke geht es sicherlich in Kürze weiter. Nicht morgen und auch nicht übermorgen, aber sicherlich nicht in zwei Monaten 😉.

Danke für eure Geduld!

Tim


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