»If you want to win anything - a race, yourself, your life - you have to go a little bit berserk!« – George Sheehan

OstseeMan Rennbericht

Teil 3 ― LAUFEN

Die Laufstrecke beim OstseeMan geht über fünf Runden a 8,5 km. Nachdem man die 10 m aus der Wechselzone auf die Strandpromenade gelaufen ist, läuft man auf dieser für die nächsten 2,5 km in Richtung Osten. Zwischendurch muss man über einen kleinen, alten Campingplatz. Dahinter ist die Promenade mehr ein Sand-Schotter-Wanderweg und man läuft aus Glücksburg raus. Irgendwann biegt man rechts ab und muss über eine kleine Steigung ca. 150 m laufen (erste Verpflegungsstation). Dort biegt man wieder rechts ab und läuft auf einer Straße durch den Wald wieder rein nach Glücksburg.

Auch hier ist schon eine Steigung. In Glücksburg drin läuft man mal rechts und mal links oder auch mal geradeaus. Dabei geht es konstant immer irgendwie hoch oder runter. Irgendwann gelangt man auf die Radstrecke und läuft dort auf dem Fußweg den Radfahrern entgegen. Mitten im Zentrum gilt es eine ziemliche Steigung in Form einer S-Kurve zu besiegen (direkt am Beginn des Berges ist die 2. Verpflegungsstation). Von dort geht es geradeaus in Richtung Schloss. Seit diesem Jahr muss man zwischendurch für ca. 150 m eine kleine Extrarunde über den Marktplatz laufen, wo Musik gespielt wird (VP 3 mit nur Wasser). Danach geht es in den Schlosspark und durch diesen hindurch zurück zur Straße. Meinen Lieblingsteil – direkt durch den Schlosshof – haben sie aufgrund des Marktplatzes leider gestrichen. Es folgt ein Lauf um den Schlosssee zurück in Richtung Flensburger Förde. Zwischendrin muss man in einen kleinen Fußweg für 150m rein- und wieder rauslaufen. Hier befindet sich die VP 4. Danach kreuzt man die Radstrecke auf dem Weg raus aus der Wechselzone und läuft nun direkt zur Förde. Unten angekommen, muss man noch über eine kleine Holzbrücke und von dort an läuft man noch knapp einen Kilometer bis zum Ziel oder der nächsten Runde (VP 5).
Die Laufstrecke findest Du wieder in der Einheit (Am Besten direkt auf den Laufsplit klicken):

- flow.polar.com - Auswertung -

Beim Rauslaufen aus der Wechselzone bin ich gleich doppelt schockiert: Einmal ist meine Wechselzeit doch abartig schnell und was mache ich nun ohne Klo? Weiterlaufen. Ich mache nun also meinen Capbeutel auf, krame meine beiden Notfallgele und stecke sie mir in meine Anzugtaschen. Danach folgen noch die Salztabletten (die ich übrigens zum ersten Mal auf einer Langdistanz nicht benötige) und abschließend die Sonnenbrille sowie die Cap auf meinem Kopf. Im Vorfeld hatte ich immer gesagt, dass ich schon nach drei Kilometern einschätzen kann, ob es ein guter Marathon wieder oder ich wieder mit Magenproblemen leiden werde. Genau so kam es. Aufgrund meines Frusts über die wirklich (sorry) beschissenen 180 Radkilometer war mir binnen 100 m meine Taktik egal. Also: Go Tim go. Eigentlich ist das ein klares Anzeichen für Selbstmord, aber ich habe die Entscheidung bis heute nicht bereut – im Gegenteil. Ich bin ein Freund der Taktik „Was man hat, das hat man“. Dann breche ich eben zum Ende hin ein wenig ein. Na und? Man muss dieses Einbrechen eben nur in Grenzen halten können. Der erste Kilometer? 3:55 Min. Inklusive der Anziehgeschichte. Ups. Den zweiten Kilometer musste ich mich als bremsen. Tat ich dann auch. 4:06 Min. Doppelt Ups. Danach kam zum Glück die erste Verpflegungsstation mit meiner Freundin Neele ihrem Vater Ingo. Die waren auf Mountainbikes unterwegs und hatten in ihren Rucksäcken meine Gele und Iso von Dextro Energy sowie Red Bull ohne Kohlensäure und Matchatee, den ich mir morgens noch gekocht hatte. Zwischendurch haben sie mich immer wieder überholt und ich habe angegeben, was ich an der nächsten VP haben möchte, sodass ich dann immer eine kleine Trinkflasche rangereicht bekommen habe. Als Flaschen habe ich die von meinem Trinkgurt von Nathan gewählt. Da passt maximal 200 ml rein, lässt sich aber gut anfassen und ggf. ein Stück mittragen. Auf jeder Flasche hatte ich mir irgendwas mit Edding raufgeschrieben:

SCHMERZ, WILLE TIM!, NEHMERQUALITÄT, BERSERKER SEIN!

So hatte ich bei jeder VP noch einen gedanklichen Anreiz, weil ich ja auch nie wusste, welche Flasche sie mir denn nun befüllt hatten. Das hat auf jeden Fall super geklappt. Danke euch beiden!

Danach habe ich zumindest es endlich geschafft merklich die Pace in den Bereich von 4:30 Min./km runterzufahren. Alles andere wäre mehr als Selbstmord gewesen. Als ich nach so 4 km auch meinen Bruder Tobi und seine Freundin Merle wiedergesehen habe, war mir klar: Das kann ein guter Lauf werden. Der Magen spielt mit. Zumindest ernährungstechnisch habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Ab da an wurde es kurios. Woran denkt man denn an so einem langen Tag? Denn die 10 cm zwischen den Ohren sind wohl der entscheidende Faktor an dem Tag.
Mein Kopfkino war ziemlich schnell so: „Und Tim, was hast Du so heute Nachmittag gemacht?“ -  „Einzelstarter gejagt. Berserker gewesen!“ Danach hat mich mein Kopf nicht mehr in Ruhe gelassen. Ein Hund bellt und eine Katze miaut. What does the fox say? Und viel wichtiger: Was macht der Berserker? Zumindest habe ich bei jeder Überholung in Gedanken den Überholten wie einen Löwen angeraunzt oder wie man das auch bezeichnen würde. Das war in der Tat sehr nett… ;-)

Auf den Marktplatz wurde ich schon als Tim Janke in Runde zwei angekündigt – war ich natürlich nicht. Im Schlosspark standen dann wieder Kratze und Benni von meinem Verein und haben dort mit ihrer Scootermusik und getreu unserem Regionalligamotto #richtigbock allways hardcore angefeuert! Das war geil! An der vorletzten Verpflegungsstation, wo man für 150 m zum Wendepunkt und zurücklaufen muss, standen dann wie verabredet meine Mutter Katja, ihr Freund Kai und die Mutter meiner Freundin Sabine. Ingo und Neele waren dort bereits mit ihren MTBs abgebogen, weil die Strecke sonst viel zu lang gewesen wäre. Irgendwann haben sie sich auch aufgeteilt, weil die Fahrerei mit meinem Lauftempo zu viel war. Meine Mom hatte zumindest auch immer Cola und ein Gel da, welches sie mit in Absprache in der dritten Runde geben sollte. So verging die erste Runde in 35:53 min. Das ist ein Schnitt von 4:13 Min./km wohlgemerkt. Ich bin echt bescheuert.

In der zweiten Runde ging die wilde Hetzjagd weiter, wobei ich an den Steigungen nun klar ein Tempo von 4:40 min/km hatte. Zwischendurch rief ich sogar Ingo zu, welche Pace man denn für einen Marathon von 3:17 Std. laufen müsse. Dann würde ich noch eine sub 10 Std. Zielzeit schaffen. Mir ging es also ganz gut. Dafür setzte der Regen ein. Naja, eigentlich war es kein Regen, sondern wir waren mitten in den Wolken drin – wie in einer Dampfsauna, nur eben bei 16 ℃. Unangenehm. Mir war trotzdem warm, sodass ich meinen Trisuit fast komplett öffnete. Ansonsten verlief die zweite Runde ereignisarm in 38:15 Min., was immer noch ein 4:30er Schnitt und damit sub 3:15 Std Marathontempo ist.

In der dritten Runde merkte ich, dass mein Appetit auf süße Gele erlosch. Als gab es nun nach jedem Gel wieder einen Renniekaubonbon, damit ich nach dem Minzgeschmack auch weiterhin Appetit auf meine süßen Gele hatte. Außerdem bin ich ziemlich stark auf Matchatee umgestiegen. Der Koffeingehalt ist echt prächtig und ich habe glücklicherweise keine Probleme Matcha oder auch Kaffee kalt zu trinken… Trotzdem merkte ich, dass mich so langsam meine Kräfte verließen. In meinen Trainingsläufen hatte ich in diesem Jahr zwischen 25 und 30 km immer wieder muskuläre Probleme. Das hatte ich auch dieses Mal erwartet. Wenn die Radzeit aber leider länger als geplant verläuft, ist die Muskulatur noch angegriffener, sodass der Kampf entsprechend härter wird. Hatte ich die Cap vorher normal getragen, drehte ich sie nun nach knapp 20 km mit dem Schirm nach hinten. Mein Gehirn ist da mittlerweile sehr gut dressiert, dass es weiß, dass nun die Post abgeht. Eigentlich wollte ich mir den Bonus erst für die vierte Runde aufheben. Bei Kratze und Benni im Schlosspark musste ich natürlich noch einmal gute Miene zum bösen Spiel machen und auch ansonsten schaffte ich es irgendwie problemlos den Halbmarathon zu passieren. So langsam meldete sich dann aber doch meine Blase. Wisst ihr wie man schneller läuft? Indem man erst im Ziel aufs Klo darf. Den Spruch hatte ich mir schon vorab ausgedacht. Blöde Sprüche für die Zuschauer habe ich ja mittlerweile echt gerne auf Lager. Zuschauen soll ja auch Spaß machen. Kai kam mir dann am Schlosssee entgegen und machte ein paar Fotos. Man, sehe ich da schon fertig aus. An der Verpflegungsstation bei den Müttern stand dann ein Dixie. Was mache ich? Ich gebe mir natürlich keine Blöße vor allen Zuschauern und laufe weiter. Ich Depp ich. Beim nächsten Mal gehe ich definitiv. Einen Kilometer weiter – kurz vor der Promenade – war es dann soweit. Ich musste gehen. Nicht, weil ich nicht mehr konnte, sondern weil ich schlichtweg die Erschütterungen nicht mehr ertragen habe und so dringend auf Klo musste. Spätestens mit der Story habe ich den Vogel abgeschossen denke ich. Irgendwas ist ja immer bei mir. Vor den Zuschauern musste ich mich dann noch einmal zusammenreißen und wieder laufen. Drei quälend lange Kilometer bis zum Campingplatz hat es gedauert. Danach konnte ich wieder normal laufen. Die dritte Runde verging somit in 42:34 Min., was ein 5er Tempo und damit ein 3:30 Std Marathonschnitt ist.

Nach meinem Klogang bei KM 28 konnte ich dann wieder normal weiterlaufen. Naja, also normal langsam. Jetzt war der Stecker bei mir raus und ich musste aufpassen, dass die Muskeln nicht komplett dichtmachen. Zum Glück hatte ich dafür schon einen Plan in der Tasche. In den Steigungen wird zügig gegangen und sobald es eben wird, wird wieder angelaufen. So wechseln sich nun also 5er und 7/8er Schnitte ab. Doch der Plan ging auf. Ich sag euch eines: Dieses Anlaufen tut irgendwann echt höllisch weh – vor allen, wenn man schon das bestimmt das 10. Mal wieder anläuft. Aua! Außerdem kostet es auch sehr viele mentale Kraft, weil man sich vom Kopf her ja jedes Mal wieder dazu zwingen muss anzulaufen. Ich habe mir dann immer Bäume oder Laternenpfähle ausgesucht, ab wo ich wieder loslaufe. Das hat zu 98 % auch super geklappt. Während ich gelaufen bin, musste ich mich nun von meinen Schmerzen ablenken. Also habe ich angefangen zu rechnen. Ich habe bei 1000 angefangen und immer 13 abgezogen. Versucht mal nach 9 Std Sport immer 13 im Kopf abzuziehen. So einfach ist das gar nicht. Wenn ihr das irgendwann nach 2, 300 raus habt, zieht ihr einfach mal 17 ab – nur um den Rhythmus im Kopf zu brechen. Das lenkt ganz schön ab und zack ist man wieder im Tunnel. So verging Runde vier in 54:27 Min. (inkl. Klopause), was ein Schnitt von 6:22 Min./km ist.

Wie vorhin erwähnt: Einbrechen ist okay, aber dann muss man das Einbrechen auch in Grenzen halten und genau das habe ich auch geschafft. Wenn Du oben auf meine Einheit klickst und in dieser nur den Laufsplit anwählst, kannst Du runterscrollen bis eine Tabelle über die Runden zu sehen ist. Hier die automatischen Runden anwählen. KM 25 bis 33 ist die vierte Runde, danach folgt Runde fünf. In dieser ist der langsamste Kilometer die Nr. 36 in 8:37 Min.. Das lag schlichtweg daran, dass mir bewusst war, dass ein sub 10 Std. Finish nicht mehr möglich ist und ich mir an der Promenade geschworen habe, dass ich dieses Jahr nicht noch einen Marathon laufe. Da habe ich mich gegen einen Start beim Frankfurt Marathon entschieden. Bevor ich aber nach dem Wettkampf auf dumme Ideen komme, habe ich an der Verpflegungsstation am Ende der Promenade bei Neele und Ingo angehalten und ihnen erzählt, dass ich keinen Marathon mehr laufe. So hätte ich wenigstens Zeugen gehabt, die mich von einer Anmeldung abgehalten hätten – mussten sie aber nicht 😉. 
Im Wald musste ich meinen Trisuit schließen, weil mir kalt wurde. Außerdem habe ich richtige Knieschmerzen bekommen. Leider bin ich an den Knien ziemlich kälteempfindlich und durch den ganzen Regen und das Wasser zur Kühlung meines Oberkörpers war ich die gesamte Zeit klitschnass. Mist. Also noch mehr Zähne zusammenbeißen und versuchen die Abschiedsrunde zu genießen. Das tat zwar irre weh, aber mit dem Anlaufen hat das immer super geklappt. Ingo und Neele wollten mich anfangs im Sicherheitsabstand auf dem MTB begleiten, aber haben mir dann doch geglaubt, dass ich es schon schaffe und sie ab zum Ziel fahren sollen. Also ging es noch ein letztes Mal an Kratze und Benni, ein letztes Mal am Schloss vorbei und dann durfte ich endlich über die Brücke auf die Promenade laufen. Überhaupt ist dieses Stück am Yachtclub sehr nett zu laufen und neben dem fehlenden Schlosshof definitiv meine favorisierten Meter.

Danach ging es einfach nur ins Ziel.

  • 10:26:47
  • Gesamtwertung Männer 35.
  • Altersklasse 3.
  • Altersklassen Landesmeister Schleswig-Holstein

(Verzeihung!) Scheiß auf die Zeit! Was auch immer auf dem Rad los gewesen ist. Bei 16 ℃, Regen und Sturm mit knapp 300 Höhenmetern, Schotter und Kopfsteinpflaster auf der Laufstrecke, war das ein echt harter Tag.
Wo ich auf dem Rad gegen mich verloren habe, habe ich auf der Laufstrecke gegen meinen Kopf, gegen meine Schmerzen gewonnen. Immer wieder angelaufen. Nehmerqualitäten. Wie Mohammed Ali. Angenockt und trotzdem wieder aufgestanden und weiter gefighted. Wie im verletzten Blutwahn eines Berserkers.

Vor dem Rennen hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich beim Imbiss direkt neben dem Ziel Currywurst-Pommes esse und hatte dies auf der zweiten Runde auch meinem Bruder zugerufen. Leider wurde aufgrund meiner Appetitlosigkeit daraus nichts. Schade, Tobi! Wir holen das in irgendeiner Form nach.

Die Tage danach war ich einfach nur noch leer. Muskulär war ich so ab Freitag auf dem Damm, aber gedanklich, mental war ich empty. Die Enttäuschung auf dem Rad kombiniert mit dem harten Lauf hat mir im Kopf her alles abverlangt. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich wirklich Ewigkeiten gebraucht habe um mich für diese Blogartikel aufzuraffen. Ich hoffe, ihr könnt das verstehen und bitte um Verzeihung.

OstseeMan Rennbericht

Teil 3 ― LAUFEN

Die Laufstrecke beim OstseeMan geht über fünf Runden a 8,5 km. Nachdem man die 10 m aus der Wechselzone auf die Strandpromenade gelaufen ist, läuft man auf dieser für die nächsten 2,5 km in Richtung Osten. Zwischendurch muss man über einen kleinen, alten Campingplatz. Dahinter ist die Promenade mehr ein Sand-Schotter-Wanderweg und man läuft aus Glücksburg raus. Irgendwann biegt man rechts ab und muss über eine kleine Steigung ca. 150 m laufen (erste Verpflegungsstation). Dort biegt man wieder rechts ab und läuft auf einer Straße durch den Wald wieder rein nach Glücksburg.

Auch hier ist schon eine Steigung. In Glücksburg drin läuft man mal rechts und mal links oder auch mal geradeaus. Dabei geht es konstant immer irgendwie hoch oder runter. Irgendwann gelangt man auf die Radstrecke und läuft dort auf dem Fußweg den Radfahrern entgegen. Mitten im Zentrum gilt es eine ziemliche Steigung in Form einer S-Kurve zu besiegen (direkt am Beginn des Berges ist die 2. Verpflegungsstation). Von dort geht es geradeaus in Richtung Schloss. Seit diesem Jahr muss man zwischendurch für ca. 150 m eine kleine Extrarunde über den Marktplatz laufen, wo Musik gespielt wird (VP 3 mit nur Wasser). Danach geht es in den Schlosspark und durch diesen hindurch zurück zur Straße. Meinen Lieblingsteil – direkt durch den Schlosshof – haben sie aufgrund des Marktplatzes leider gestrichen. Es folgt ein Lauf um den Schlosssee zurück in Richtung Flensburger Förde. Zwischendrin muss man in einen kleinen Fußweg für 150m rein- und wieder rauslaufen. Hier befindet sich die VP 4. Danach kreuzt man die Radstrecke auf dem Weg raus aus der Wechselzone und läuft nun direkt zur Förde. Unten angekommen, muss man noch über eine kleine Holzbrücke und von dort an läuft man noch knapp einen Kilometer bis zum Ziel oder der nächsten Runde (VP 5).
Die Laufstrecke findest Du wieder in der Einheit (Am Besten direkt auf den Laufsplit klicken):

- flow.polar.com - Auswertung -

Beim Rauslaufen aus der Wechselzone bin ich gleich doppelt schockiert: Einmal ist meine Wechselzeit doch abartig schnell und was mache ich nun ohne Klo? Weiterlaufen. Ich mache nun also meinen Capbeutel auf, krame meine beiden Notfallgele und stecke sie mir in meine Anzugtaschen. Danach folgen noch die Salztabletten (die ich übrigens zum ersten Mal auf einer Langdistanz nicht benötige) und abschließend die Sonnenbrille sowie die Cap auf meinem Kopf. Im Vorfeld hatte ich immer gesagt, dass ich schon nach drei Kilometern einschätzen kann, ob es ein guter Marathon wieder oder ich wieder mit Magenproblemen leiden werde. Genau so kam es. Aufgrund meines Frusts über die wirklich (sorry) beschissenen 180 Radkilometer war mir binnen 100 m meine Taktik egal. Also: Go Tim go. Eigentlich ist das ein klares Anzeichen für Selbstmord, aber ich habe die Entscheidung bis heute nicht bereut – im Gegenteil. Ich bin ein Freund der Taktik „Was man hat, das hat man“. Dann breche ich eben zum Ende hin ein wenig ein. Na und? Man muss dieses Einbrechen eben nur in Grenzen halten können. Der erste Kilometer? 3:55 Min. Inklusive der Anziehgeschichte. Ups. Den zweiten Kilometer musste ich mich als bremsen. Tat ich dann auch. 4:06 Min. Doppelt Ups. Danach kam zum Glück die erste Verpflegungsstation mit meiner Freundin Neele ihrem Vater Ingo. Die waren auf Mountainbikes unterwegs und hatten in ihren Rucksäcken meine Gele und Iso von Dextro Energy sowie Red Bull ohne Kohlensäure und Matchatee, den ich mir morgens noch gekocht hatte. Zwischendurch haben sie mich immer wieder überholt und ich habe angegeben, was ich an der nächsten VP haben möchte, sodass ich dann immer eine kleine Trinkflasche rangereicht bekommen habe. Als Flaschen habe ich die von meinem Trinkgurt von Nathan gewählt. Da passt maximal 200 ml rein, lässt sich aber gut anfassen und ggf. ein Stück mittragen. Auf jeder Flasche hatte ich mir irgendwas mit Edding raufgeschrieben:

SCHMERZ, WILLE TIM!, NEHMERQUALITÄT, BERSERKER SEIN!

So hatte ich bei jeder VP noch einen gedanklichen Anreiz, weil ich ja auch nie wusste, welche Flasche sie mir denn nun befüllt hatten. Das hat auf jeden Fall super geklappt. Danke euch beiden!

Danach habe ich zumindest es endlich geschafft merklich die Pace in den Bereich von 4:30 Min./km runterzufahren. Alles andere wäre mehr als Selbstmord gewesen. Als ich nach so 4 km auch meinen Bruder Tobi und seine Freundin Merle wiedergesehen habe, war mir klar: Das kann ein guter Lauf werden. Der Magen spielt mit. Zumindest ernährungstechnisch habe ich meine Hausaufgaben gemacht. Ab da an wurde es kurios. Woran denkt man denn an so einem langen Tag? Denn die 10 cm zwischen den Ohren sind wohl der entscheidende Faktor an dem Tag.
Mein Kopfkino war ziemlich schnell so: „Und Tim, was hast Du so heute Nachmittag gemacht?“ -  „Einzelstarter gejagt. Berserker gewesen!“ Danach hat mich mein Kopf nicht mehr in Ruhe gelassen. Ein Hund bellt und eine Katze miaut. What does the fox say? Und viel wichtiger: Was macht der Berserker? Zumindest habe ich bei jeder Überholung in Gedanken den Überholten wie einen Löwen angeraunzt oder wie man das auch bezeichnen würde. Das war in der Tat sehr nett… ;-)

Auf den Marktplatz wurde ich schon als Tim Janke in Runde zwei angekündigt – war ich natürlich nicht. Im Schlosspark standen dann wieder Kratze und Benni von meinem Verein und haben dort mit ihrer Scootermusik und getreu unserem Regionalligamotto #richtigbock allways hardcore angefeuert! Das war geil! An der vorletzten Verpflegungsstation, wo man für 150 m zum Wendepunkt und zurücklaufen muss, standen dann wie verabredet meine Mutter Katja, ihr Freund Kai und die Mutter meiner Freundin Sabine. Ingo und Neele waren dort bereits mit ihren MTBs abgebogen, weil die Strecke sonst viel zu lang gewesen wäre. Irgendwann haben sie sich auch aufgeteilt, weil die Fahrerei mit meinem Lauftempo zu viel war. Meine Mom hatte zumindest auch immer Cola und ein Gel da, welches sie mit in Absprache in der dritten Runde geben sollte. So verging die erste Runde in 35:53 min. Das ist ein Schnitt von 4:13 Min./km wohlgemerkt. Ich bin echt bescheuert.

In der zweiten Runde ging die wilde Hetzjagd weiter, wobei ich an den Steigungen nun klar ein Tempo von 4:40 min/km hatte. Zwischendurch rief ich sogar Ingo zu, welche Pace man denn für einen Marathon von 3:17 Std. laufen müsse. Dann würde ich noch eine sub 10 Std. Zielzeit schaffen. Mir ging es also ganz gut. Dafür setzte der Regen ein. Naja, eigentlich war es kein Regen, sondern wir waren mitten in den Wolken drin – wie in einer Dampfsauna, nur eben bei 16 ℃. Unangenehm. Mir war trotzdem warm, sodass ich meinen Trisuit fast komplett öffnete. Ansonsten verlief die zweite Runde ereignisarm in 38:15 Min., was immer noch ein 4:30er Schnitt und damit sub 3:15 Std Marathontempo ist.

In der dritten Runde merkte ich, dass mein Appetit auf süße Gele erlosch. Als gab es nun nach jedem Gel wieder einen Renniekaubonbon, damit ich nach dem Minzgeschmack auch weiterhin Appetit auf meine süßen Gele hatte. Außerdem bin ich ziemlich stark auf Matchatee umgestiegen. Der Koffeingehalt ist echt prächtig und ich habe glücklicherweise keine Probleme Matcha oder auch Kaffee kalt zu trinken… Trotzdem merkte ich, dass mich so langsam meine Kräfte verließen. In meinen Trainingsläufen hatte ich in diesem Jahr zwischen 25 und 30 km immer wieder muskuläre Probleme. Das hatte ich auch dieses Mal erwartet. Wenn die Radzeit aber leider länger als geplant verläuft, ist die Muskulatur noch angegriffener, sodass der Kampf entsprechend härter wird. Hatte ich die Cap vorher normal getragen, drehte ich sie nun nach knapp 20 km mit dem Schirm nach hinten. Mein Gehirn ist da mittlerweile sehr gut dressiert, dass es weiß, dass nun die Post abgeht. Eigentlich wollte ich mir den Bonus erst für die vierte Runde aufheben. Bei Kratze und Benni im Schlosspark musste ich natürlich noch einmal gute Miene zum bösen Spiel machen und auch ansonsten schaffte ich es irgendwie problemlos den Halbmarathon zu passieren. So langsam meldete sich dann aber doch meine Blase. Wisst ihr wie man schneller läuft? Indem man erst im Ziel aufs Klo darf. Den Spruch hatte ich mir schon vorab ausgedacht. Blöde Sprüche für die Zuschauer habe ich ja mittlerweile echt gerne auf Lager. Zuschauen soll ja auch Spaß machen. Kai kam mir dann am Schlosssee entgegen und machte ein paar Fotos. Man, sehe ich da schon fertig aus. An der Verpflegungsstation bei den Müttern stand dann ein Dixie. Was mache ich? Ich gebe mir natürlich keine Blöße vor allen Zuschauern und laufe weiter. Ich Depp ich. Beim nächsten Mal gehe ich definitiv. Einen Kilometer weiter – kurz vor der Promenade – war es dann soweit. Ich musste gehen. Nicht, weil ich nicht mehr konnte, sondern weil ich schlichtweg die Erschütterungen nicht mehr ertragen habe und so dringend auf Klo musste. Spätestens mit der Story habe ich den Vogel abgeschossen denke ich. Irgendwas ist ja immer bei mir. Vor den Zuschauern musste ich mich dann noch einmal zusammenreißen und wieder laufen. Drei quälend lange Kilometer bis zum Campingplatz hat es gedauert. Danach konnte ich wieder normal laufen. Die dritte Runde verging somit in 42:34 Min., was ein 5er Tempo und damit ein 3:30 Std Marathonschnitt ist.

Nach meinem Klogang bei KM 28 konnte ich dann wieder normal weiterlaufen. Naja, also normal langsam. Jetzt war der Stecker bei mir raus und ich musste aufpassen, dass die Muskeln nicht komplett dichtmachen. Zum Glück hatte ich dafür schon einen Plan in der Tasche. In den Steigungen wird zügig gegangen und sobald es eben wird, wird wieder angelaufen. So wechseln sich nun also 5er und 7/8er Schnitte ab. Doch der Plan ging auf. Ich sag euch eines: Dieses Anlaufen tut irgendwann echt höllisch weh – vor allen, wenn man schon das bestimmt das 10. Mal wieder anläuft. Aua! Außerdem kostet es auch sehr viele mentale Kraft, weil man sich vom Kopf her ja jedes Mal wieder dazu zwingen muss anzulaufen. Ich habe mir dann immer Bäume oder Laternenpfähle ausgesucht, ab wo ich wieder loslaufe. Das hat zu 98 % auch super geklappt. Während ich gelaufen bin, musste ich mich nun von meinen Schmerzen ablenken. Also habe ich angefangen zu rechnen. Ich habe bei 1000 angefangen und immer 13 abgezogen. Versucht mal nach 9 Std Sport immer 13 im Kopf abzuziehen. So einfach ist das gar nicht. Wenn ihr das irgendwann nach 2, 300 raus habt, zieht ihr einfach mal 17 ab – nur um den Rhythmus im Kopf zu brechen. Das lenkt ganz schön ab und zack ist man wieder im Tunnel. So verging Runde vier in 54:27 Min. (inkl. Klopause), was ein Schnitt von 6:22 Min./km ist.

Wie vorhin erwähnt: Einbrechen ist okay, aber dann muss man das Einbrechen auch in Grenzen halten und genau das habe ich auch geschafft. Wenn Du oben auf meine Einheit klickst und in dieser nur den Laufsplit anwählst, kannst Du runterscrollen bis eine Tabelle über die Runden zu sehen ist. Hier die automatischen Runden anwählen. KM 25 bis 33 ist die vierte Runde, danach folgt Runde fünf. In dieser ist der langsamste Kilometer die Nr. 36 in 8:37 Min.. Das lag schlichtweg daran, dass mir bewusst war, dass ein sub 10 Std. Finish nicht mehr möglich ist und ich mir an der Promenade geschworen habe, dass ich dieses Jahr nicht noch einen Marathon laufe. Da habe ich mich gegen einen Start beim Frankfurt Marathon entschieden. Bevor ich aber nach dem Wettkampf auf dumme Ideen komme, habe ich an der Verpflegungsstation am Ende der Promenade bei Neele und Ingo angehalten und ihnen erzählt, dass ich keinen Marathon mehr laufe. So hätte ich wenigstens Zeugen gehabt, die mich von einer Anmeldung abgehalten hätten – mussten sie aber nicht 😉. 
Im Wald musste ich meinen Trisuit schließen, weil mir kalt wurde. Außerdem habe ich richtige Knieschmerzen bekommen. Leider bin ich an den Knien ziemlich kälteempfindlich und durch den ganzen Regen und das Wasser zur Kühlung meines Oberkörpers war ich die gesamte Zeit klitschnass. Mist. Also noch mehr Zähne zusammenbeißen und versuchen die Abschiedsrunde zu genießen. Das tat zwar irre weh, aber mit dem Anlaufen hat das immer super geklappt. Ingo und Neele wollten mich anfangs im Sicherheitsabstand auf dem MTB begleiten, aber haben mir dann doch geglaubt, dass ich es schon schaffe und sie ab zum Ziel fahren sollen. Also ging es noch ein letztes Mal an Kratze und Benni, ein letztes Mal am Schloss vorbei und dann durfte ich endlich über die Brücke auf die Promenade laufen. Überhaupt ist dieses Stück am Yachtclub sehr nett zu laufen und neben dem fehlenden Schlosshof definitiv meine favorisierten Meter.

Danach ging es einfach nur ins Ziel.

  • 10:26:47
  • Gesamtwertung Männer 35.
  • Altersklasse 3.
  • Altersklassen Landesmeister Schleswig-Holstein

(Verzeihung!) Scheiß auf die Zeit! Was auch immer auf dem Rad los gewesen ist. Bei 16 ℃, Regen und Sturm mit knapp 300 Höhenmetern, Schotter und Kopfsteinpflaster auf der Laufstrecke, war das ein echt harter Tag.
Wo ich auf dem Rad gegen mich verloren habe, habe ich auf der Laufstrecke gegen meinen Kopf, gegen meine Schmerzen gewonnen. Immer wieder angelaufen. Nehmerqualitäten. Wie Mohammed Ali. Angenockt und trotzdem wieder aufgestanden und weiter gefighted. Wie im verletzten Blutwahn eines Berserkers.

Vor dem Rennen hatte ich mir fest vorgenommen, dass ich beim Imbiss direkt neben dem Ziel Currywurst-Pommes esse und hatte dies auf der zweiten Runde auch meinem Bruder zugerufen. Leider wurde aufgrund meiner Appetitlosigkeit daraus nichts. Schade, Tobi! Wir holen das in irgendeiner Form nach.

Die Tage danach war ich einfach nur noch leer. Muskulär war ich so ab Freitag auf dem Damm, aber gedanklich, mental war ich empty. Die Enttäuschung auf dem Rad kombiniert mit dem harten Lauf hat mir im Kopf her alles abverlangt. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ich wirklich Ewigkeiten gebraucht habe um mich für diese Blogartikel aufzuraffen. Ich hoffe, ihr könnt das verstehen und bitte um Verzeihung.


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